70 Jahre und kein bisschen leise

Der Komödie im Marquardt zum Geburtstag am 1.9.2021

Seit nunmehr 70 Jahren gibt es die Komödie im Marquardt im ehemaligen „Goldenen Saal“ des Stuttgarter Hotel Marquardt. Lange gehörte das Hotel zu den europäischen Spitzenhotels. Hier logierten Prominente und Persönlichkeiten wie Richard Wagner oder Otto von Bismarck. Im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, erwarb der Architekt Eugen Mertz das Gebäude und machte es zu einem Geschäftshaus mit Kino- und Theatersaal.

Nach einigen Monaten unter der künstlerischen Leitung von Hanns Odendahl übernahm Bertold Sakmann (1911-1982) die Komödie als zweite Spielstätte für sein „Junges Theater“. Während in der ursprünglichen Spielstätte des Ensembles, der Turnhalle der Höheren Handelsschule in der Rotebühlstraße, eher ernste und problemorientiert Stücke gespielt wurden, fährt Sakmann mit seinem Ensemble im Marquardt-Gebäude einen anderen Kurs. „In der Komödie werden wir die gehobene Unterhaltung zu Wort kommen lassen“, verspricht er in seinem ersten Programmheft. Am 1. September 1951 um 20 Uhr ging mit „Ninotchka“ von Melchior Lengyel die erste Premiere unter seiner Intendanz über die Bühne. Die Titelrolle spielte Eva Köhrer, Franz Esser führte Regie. In weiteren Hauptrollen waren Siegurd Fitzek, Franz Steinmüller, Jonny Goertz und Erhard Steinke zu sehen. Das Publikum war glücklich, die Presse ebenfalls: „Der Start ist geglückt!“ schrieb Hermann Missenharter am 3.9.51 in den „Stuttgarter Nachrichten“.

Bertold Sakmann verfügte über hervorragende Kontakte. Bald spielten in der Komödie im Marquardt lokale und überregionale Größen wie Oscar Heiler und Willy Reichert, Paul Dahlke, Curt Goetz und Valerie von Martens, Theo Lingen, Käthe Dorsch, Margarete Haagen, Gustav Fröhlich, Luise Ulrich, Johannes Heesters oder Heinz Rühmann – um nur einige zu nennen. Im Laufe der Jahre kamen Stars wie Hans-Joachim Kulenkampff, Nicole Heesters, Hardy Krüger, Claus Wilcke oder Harald Juhnke dazu. Der Erfolg war groß: Schon bald gehörte die Komödie zu den führenden Boulevardtheatern Deutschlands.

Nur vier Tage pro Woche, so hatte der ursprüngliche Plan gelautet, sollte dort gespielt werden – doch schon bald war die Nachfrage nach Karten so groß, dass sich der Vorhang tagtäglich öffnen konnte. Bereits damals gab es ein Abonnement-System: Für eine Premierenmiete etwa zahlte man je nach Preisgruppe zwischen 17 und 48 DM für insgesamt zehn Vorstellungen. Einzeltickets kosteten im Jahr 1951 zwischen 2 und 6 DM. (Zum Vergleich: damals lag das Durchschnittseinkommen in Deutschland bei 3.579 DM pro Jahr, 2018 lag es in Westdeutschland bei 38.212 EURO – bei Eintrittspreisen zwischen 11 und 24 EUR. Im Verhältnis zum Durchschnittseinkommen von 1951 sind unsere Abos und Tickets heutzutage also sogar günstiger als 1951!)

Die Spielpläne von Intendant Bertold Sakmann waren abwechslungsreich und beim Publikum höchst beliebt: Komödien wie „Pygmalion“ von George Bernard Shaw oder „Wie es euch gefällt“ von William Shakespeare fanden ebenso großen Anklang wie kabarettistische Abende von und mit Willy Reichert, musikalische Produktionen wie „Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht oder „Kiss me, Kate“ von Cole Porter. Neben Boulevardstücken wie „Die Kaktusblüte“ wurde auch Außergewöhnliches gespielt, etwa „Der Hexer“ von Edgar Wallace oder die Deutsche Erstaufführung des Schauspiels „Die fünfte Kolonne“ von Ernest Hemingway!

1976 ging Bertold Sakmann in den Ruhestand. Im Folgenden schrieben die Intendanten Elert Bode (ab 1976), Carl Philip von Maldeghem (ab 2002), Manfred Langner (ab 2009) und Axel Preuß (seit 2018) die Erfolgsgeschichte der Komödie im Marquardt fort.

Wir gratulieren unserer Jubilarin recht herzlich! Alles Gute, liebe Komödie im Marquardt!

Bild 1: Titelseite des Jahrbuchs 1954 mit Unterschriften der Stars von damals
Bild 2: Die Komödie im Marquardt 1949
Bild 3: Bertold Sakmann
Bild 4: Besetzungszettel „Ninotchka“
Bild: 5: „Ninotchka“ von Melchior Lengyel mit (v. links) Siegurd Fitzek, Jonny Goertz, Franz Steinmüller, Eva Köhrer
Bild 6: „Chéri“ von Colette mit Siegurd Fitzek und Käthe Dorsch